Sprachgewitter: New year, new avatar?

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Vor etwa fünfzehn Jahren habe ich mich in das Internet eingeloggt. Damals waren digitale Räume vor allem Räume der Anonymität. Das Internet war noch jung, die Grafikdarstellung war grottig, die regionalen Chatrooms fungierten als Vorreiter von Social Media Kanälen. 

Als Plattformen wie Myspace sich verbreiteten, wuchs das Bedürfnis nach Selbstdarstellung, inklusive Nicknames, Avatare, Pseudonyme, verpixelte und überbearbeitete Digicam Fotos. Identität im Internet war auch ein Stück weit Flucht vor Identität in der Realität.

Wie alles (für mich) begann

Bevor Soziale Medien ein (zugegeben verfälschtes) Abbild der Realität versuchten wiederzugeben, waren krächzende Router und flimmernde Bildschirme die positive Konditionierung auf das Erleben und Ausagieren von Rollen, die am Schulhof oder der Universität keinen Platz fanden. 

Es war 2012, als ich mich auf der bildbasierten Plattform Instagram registrierte und in der Anfangszeit große Schwierigkeiten mit der konkreten Abbildung von Erlebnissen hatte. Essens-, Urlaubs-, Freundesbilder. Plötzlich sollte das “echte Leben” kuratiert und abgebildet werden. Bloß mit dem Unterschied, dass die Abstraktion dessen nicht mehr offensichtlich war. Es war nicht mehr klar, dass zwischen digitalem Raum und Realität ein Filter lag.

© Cansu Tandogan

Zuvor schien es auf anderen Plattformen mittels eines Pseudonyms und ebenso pseudo-künstlerischen Selbstportraits offensichtlich, dass hier eine Darstellung geschah, dass die erschaffene Identität das Brennglas nur auf einen bestimmten Anteil in einem Selbst richtete. Instagram hingegen suggerierte: Das ist mein echtes Leben. So viel Spaß habe ich, immer. Ich reise an schöne Orte, habe Spaß mit meinen Freund*innen und genieße gutes Essen.

Aus einer eintönigen Fläche entstehen nach und nach Kontraste

Aus heutiger Sicht wissen wir, dass die Schere seitdem weiter auseinander ging. Auf der einen Seite entstanden Superlative vom perfekten Leben, den perfekten Menschen, dem hausgemachten Glück. Bearbeitungsapps, Ringlichter und Filterschönheit. Und auf der anderen Seite entstanden Gegenbewegungen, die erst nicht mit den unrealistischen Schönheitsidealen mithalten konnten und schließlich dagegen rebellierten.

 

Es waren die ersten Schritte von digitalen Bewegungen wie: Body Positivity/Neutrality, Mental Health Accounts und Menschen, die offen mit vermeintlichen Schönheitsmakeln umgingen. Politische Missstände und Proteste, wie z. B. Black Lives Matter zeigten, dass auch Plattformen wie Instagram politisch sein konnten und – mussten.

© Cansu Tandogan

So füttern sich zwischen die sogenannte Scheinwelt auch Fotos von Dehnungsstreifen, unreiner Haut und einsamen Tagen zu Hause, an denen eben gar nichts Aufregendes passiert. Heute sehen wir, was wir sehen wollen. Und wir zeigen, was wir zu zeigen vermögen. 

Was allerdings auch wahr ist: digitale Räume haben längst ihren Anker in einem einst weit entfernten Universum verloren. Sie sind wie ein Komet an unsere realen Leben herangerückt und pressen sich dicht an das, was wir als „echt“ erleben. Das Bedürfnis hat sich geändert. 

Es geht nicht mehr darum, eine Parallelwelt zu erschaffen, sondern sie mit der existierenden zu verweben und wortwörtlich zweidimensional abzubilden. Unsere digitale Identität ist Teil unserer realen Person geworden und hat den Anspruch, eben diese zu zeigen. Klarnamen, Fotos, Texte und Einblicke in unsere privaten Räume. Social Media ist heute nicht mehr nur ein Raum, in dem wir Dinge ausleben – wir leben darin.

Wohin der Ausblick führt

Immer öfter möchte ich mir die Frage stellen: Wer möchte ich sein? Wie möchte ich erkannt werden? Welche Ideen erschaffe ich bei anderen auf digitalen Plattformen von mir? Und was vermutlich die wichtigste Frage ist: Wo ziehe ich die Grenze? So stehe ich am Jahresbeginn in der Dauerschleife einer Pandemie, die ich seit gefühlten Ewigkeiten überwintere und die mich gleichzeitig noch entschiedener in die Webbrowser, Kommunikationstools und soziale Medien befördert hat.

© Cansu Tandogan

In Zeiten, in denen die soziale Interaktion im großen Rahmen beinahe einen verwerflichen Charakter hat, müssen wir noch genauer hinsehen, welche Botschaften wir in den Cyberorbit schießen.

Alle Tabs offen und trotzdem nicht zerrissen

Ich plädiere, wie so oft, für die Gleichzeitigkeit. Ich möchte mich und somit auch andere anhalten, uns einer Entwicklung bewusst zu werden, die den digitalen Raum als Fremdkörper in unsere Leben brachte und mittlerweile ein Teil von uns ist. Uns im Internet als eine Person zu bewegen, unterschiedliche Plattformen zu nutzen, Accounts, Avatare und Bilder von uns zu erstellen, ist etwas Natürliches geworden. Jugendliche wachsen in ein Selbstverständnis von Profilen und Mailadressen auf. Das ist nichts Schlechtes, jedoch muss darauf zwangsläufig ein adäquater und bewusster Umgang folgen. Medienkompetenz ist das Schlagwort der Stunde.

Das bedeutet auch, dass wir die Regeln bestimmen. Denn obwohl alles an Informationen und Ausdrucksformen verfügbar scheint, ist es letztlich unsere Entscheidung, welche Bilder wir von uns erschaffen und wofür wir die Bildschirmfläche nutzen. Eines ist sicher: beinahe alles hat in diesem unendlich scheinenden Kosmos Platz. 

Über Jaqueline

Als Sozialarbeiterin und Feministin eher an Problemlösungen interessiert, wirft sie in ihren Texten und Kolumnen meist Fragen zu Identitätsfindung, Körperbewusstsein, und einer Bandbreite an tiefen Emotionen auf. Neben Sprachgewitter teilt sie die alltägliche Ästhetik ihrer Wahrnehmung auf ihrem Instagramaccount minusgold.