Drag- und Burlesque-Artists erklären, wie ihre Kunstform zu mehr Selbstbewusstsein führt

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Auf der Bühne stehen und in auffälligen Kostümen und mit noch auffälligerem Make-up zu posieren ist der Job von Drag- und Burlesque-Artists. Aber was genau steckt dahinter? Wie viel Kreativität steckt in dieser Kunstform und wie drücken sie diese aus? Wir wollten wissen, wie sie ihre Kreativität mit ihrem Körper zum Ausdruck bringen. Madeleine de Sade, Queen Naomi King, ChiChi und Metamorkid geben uns Einblicke in ihr Drag- bzw. Burlesque-Dasein: 

 

Madeleine de Sade, Burlesque Artist und Designerin: “Mir ist es wichtig, im Einklang mit meiner Weiblichkeit zu sein”

In meinem Job als Burlesque-Artist drücke ich meine Kreativität sinnlich oder theatralisch aus – je nachdem, welchen Charakter ich darstelle. Jede meiner Nummern erzählt eine andere Geschichte. Im Allgemeinen ist es mir wichtig, im Einklang mit meiner Weiblichkeit zu sein – daraus ziehe ich meine größte Kraft. 

 

Dadurch fällt es mir mittlerweile auch leichter, zu mir zu stehen und aus der Masse zu ragen – unabhängig von gesellschaftlicher Perfektion und gesellschaftlichen Normen. Ich schreibe meine eigene Geschichte!

Queen Naomi King, Singer, Dancer, Producer, Drag Artist: “Ich spiele gern mit den Gegensätzen der Geschlechter.”

Als Drag Artist spiele ich gern mit den Gegensätzen der Geschlechter. Das glamouröse Make-up und die feminine Kleidung auf der einen Seite, der Bart und der unrasierte Männerkörper auf der anderen. 

 

Gerade als live singende Drag Queen ist es mir wichtig, noch als Person wahrgenommen zu werden und nicht „nur“ als Drag Charakter. Ich maße mir nicht an Geschlechtergrenzen sprengen zu wollen… aber mit Klischees spielen und sie damit über den Haufen zu werfen – that’s Drag!

Drag hat für mich nicht mit dem Wunsch begonnen, meine feminine Seite auszuleben, sondern als Job in einem Theaterstück. Gerade anfangs stellt man da natürlich seine Einstellung zu Femininität, Maskulinität und den vielen Bereichen dazwischen infrage. 

Anfangs war ich eine komplette „Frau Illusion“ und hab’ akribisch alles rasiert oder verhüllt, das den Männerkörper verraten hat. Mittlerweile zelebriere ich genau das und zeige meinen Männerkörper, meist recht spärlich verhüllt. Das erfordert eine ganz andere Art von Selbstbewusstsein, da man plötzlich tatsächlich halbnackt auf der Bühne die Diva auslebt. Das hat natürlich auch die Sichtweise auf meinen Körper verändert und mich selbstbewusster gemacht.

ChiChi, Drag Queen, Opernsängerin und Make-up Artist: “Was ich der heteronormativen Gesellschaft dadurch erzähle: Ich bin hier! Wir sind hier! Und zusätzlich versuche ich auch, den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.”

Mit meiner Kunst will ich nicht nur meine eigenen Emotionen und Gefühle ausdrücken, sondern auch meine inneren Dämonen, Depressionen und Angstzustände bekämpfen. Mein Drag-Dasein drückt in gewisser Weise meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft aus – mein Leben, meine Geschichte und die Geschichte der LGBTQIA+-Community. Meine Kunst ist also auch ein politisches Statement! 

Was ich der heteronormativen Gesellschaft dadurch erzähle: Ich bin hier! Wir sind hier! Und zusätzlich versuche ich auch, den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Durch meine Kunst sollen diese Menschen sich bestätigt fühlen: Dass sie perfekt und wunderschön sind, so wie sie sind. Dass sie alles erreichen können, was sie wollen!

Auf die Frage: “Was will ich mit Drag ausdrücken?” antworte ich: “Geh’ zurück zu deinen Wurzeln. Es ist hilfreich, sich daran zu erinnern, woher man kommt und warum man mit seiner Kunst angefangen hat.”

Metamorkid, Non-binary Drag Artist, Performer, Host und Designer: “Persönlich habe ich mich erst durch Drag und aufgrund der wundervollen Menschen in meinem Leben in meinen Körper verliebt und die Schönheit in all unseren Unterschieden entdeckt.”

Drag ist die Art der Kunst, in der deine Identität deine Leinwand ist. Die Komposition dieser Leinwand ist bei jedem/jeder anders und vorgegeben, doch was man darauf projiziert und kreiert, ist jedem selbst überlassen.

Manche Drag Künstler*innen verändern ihren Körper mit Padding und Korsett in eine übertriebene Form der Femininität. Andere spielen mit dem Konstrukt „Gender“ und brechen unsere Auffassung von einem binären Limit. Aber allen gemeinsam ist, dass in Kombination mit Performance und Bewegung die Möglichkeit da ist, Emotionen aus dem tiefsten Inneren visuell nach außen zu transportieren.

Das Drag-Dasein hat mein Verhältnis zu meinem Körper ins Positive verändert. Es gab Zeiten, in denen ich mich für meinen Körper schämte. Viele LGBTQIA+-Personen kämpfen mit den Schönheitsidealen, die in unserer Community herrschen. Man ist zu dürr, zu dick, nicht weiblich genug, nicht männlich genug oder wird als nicht konventionell attraktiv abgestempelt.

Auf der Bühne sieht man auf queeren Events hypermaskuline Männer, die fälschlicherweise als das absolute Ideal dargestellt werden. Heutzutage sollte eigentlich jede Population, jeder Körper-Typ und jede Geschlechtsidentität repräsentiert und zelebriert werden.

Persönlich habe ich mich erst durch Drag und wundervolle Menschen in meinem Leben in meinen Körper verliebt und die Schönheit in all unseren Unterschieden entdeckt. Ich denke, jeder Mensch hat Tage, an denen man sich besser oder schlechter mit seinem Körper fühlt. Das empfinde ich als ganz normal. Selbst-Liebe ist ein Prozess, ein Auf und Ab und nicht etwas Konstantes.

Ich hab’ zwar noch viel zu lernen, aber das treibt mich auch an und motiviert mich. Ich hoffe, dass junge Menschen sich von mir inspiriert fühlen, ihren Träumen nachzugehen. 

Ich bin in der vergleichsweise kurzen Zeit schon oft hingefallen, in der ich Drag mache, doch bis jetzt bin ich immer wieder aufgestanden. Jungen Menschen, die mit ihrer Kunst, ihrem Körper oder sich selbst struggeln, kann ich nur sagen: Mache Fehler, nimm dir dann Zeit, es zu fühlen, zu lernen, zu weinen und dich selbst zu bemitleiden, aber dann steh’ wieder auf und geh’ weiter. Die einzige Person im Leben, die dich aufhalten kann, bist du!

 

Drag- und Burlesque-Künstler*innen bringen ihre Kreativität mit ihrem Körper zum Ausdruck. Für einen visuellen Einblick in die Welt der Drag-Performer*innen schau dir unser Video mit Drag-Künstlerin Frey van Kant an.