Wie viel Identität steckt in meinem Namen? Und wer entscheidet darüber?

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Was verrät dir ein Name über die Identität eines Menschen? Egal, wann du jemanden kennenlernst, das Erste, was du über die Person erfahren wirst, ist meistens ja doch ihr Name. Darüber macht man sich – ich zumindest – eigentlich gar nicht so bewusst Gedanken, aber unterbewusst passiert hier – glaube ich – ganz viel. Ein Name kann entweder positiv oder negativ behaftet sein, kann dir gewöhnlich vorkommen oder besonders; kann medial gebasht werden oder dir veraltet sein. Aber wie viel Gewichtung trägt der Vorname wirklich? Und wer bestimmt darüber?

Du triffst eine Person zum ersten Mal. Sie stellt sich vor. *Insert name here*. Was geht dir dabei durch den Kopf?

© Cansu Tandogan

Was da in meinem Kopf beispielsweise abläuft: Zuerst wird mein mentales Kontaktbuch danach gescannt, ob ich einen Menschen mit diesem Namen kenne. Das passiert automatisch, weil wir versuchen, alles Neue in bekannte Muster einzuordnen. Ich möchte also herausfinden, ob ich Parallelen ziehen kann und somit auch auf Grund des Namens schon Rückschlüsse ziehen kann. 

Ich stecke die Person – ob ich will oder nicht – also schon gleich mal in eine Schublade. Das wirkt zwar unfair, (ist es im Grunde genommen auch) ist aber ein Mechanismus, ohne den wir wohl nicht überleben würden. Und den wir auch nicht einfach abstellen können. Ob ich den Namen jetzt aus persönlichen Gründen kenne oder weil er mir aus den Medien bekannt vorkommt – ich ziehe unterbewusst sofort Rückschlüsse auf die Person.

Der erste Eindruck 

Der Name und das Aussehen sind meistens ausschlaggebend für den ersten Eindruck, den andere Menschen von uns bekommen. Wie wir uns kleiden, unsere Haare tragen oder uns verhalten – das ist alles Teil unserer Identität. Trotzdem: Zu Beginn einer Begegnung steht ja doch eben auch der Name – und wenn wir Pech haben, verbindet die Person, die wir treffen, damit etwas Negatives.

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Damals in der Volksschule hat mich Thomas immer gehänselt. Heißt die Person Thomas, habe ich gleich unterbewusst eine – in diesem Fall leider eben nicht so geile – Konnotation zu der Person. (Sorry an alle super nicen Thomase da draußen!)

Der Name ist also ein Teil unserer Identität, den wir uns nicht aussuchen. Er wird sorgfältig von unseren Eltern ausgewählt. So sorgfältig, wie ich mir halt jetzt einbilde, dass meine Eltern Anna Lena – ja, zwei basic names zusammengeschmissen – für mich ausgewählt haben. Dass unsere Eltern mit der Namensgebung aber auch einen Teil unserer Identitäten formen, ist ihnen vielleicht gar nicht so klar.  

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Meine Eltern haben meinen Namen aus zwei Gründen ausgewählt. Erstens, weil Anna der Name meiner Urgroßmutter war. Und zweitens, weil Anna Lena ihnen schlichtweg gefallen hat (und der Pfarrer meinte, dass Anna Lena ähnlich wie Magdalena klingt, und das ja gut für die Kirche sei – uff okay.) Ob mein Name Teil meiner Identität ist, hab ich mich eigentlich lange nicht gefragt – aber vermutlich auch deshalb, da ich in Österreich mit Anna Lena selten darauf aufmerksam gemacht werde.

Identität verändert sich, und der Name?

Im Laufe meines Lebens habe ich aber meinen Namen schon öfters “geändert”. Als Kind wollte ich immer anders heißen. Oft wie meine Freundinnen (Hallo Katharina) oder meine Idole (Yess, Avril it was!). In der Volksschule wurde ich dann von meinen Mitschüler*innen Leni genannt. Im Gymnasium war mir das aber dann zu niedlich und ich hab mich Lena nennen lassen. 

Das hat sich bis jetzt durchgezogen – im Privaten. In der Arbeitswelt will ich, weil es “seriöser” klingt, Anna Lena genannt werden. Warum ich mir das einbilde, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass der Name schon ausschlaggebend in der Arbeitswelt ist und in allen anderen sozialen Gegebenheiten. Und selbst wenn du dich mit deinem Namen selbst seriös fühlst, kann es immer noch sein, dass deine neue Kollegin oder dein neuer Kollege mal eine Freundin hatte, die Anna Lena hieß und damit die Unseriosität in Person verbindet.

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Namen transportieren Stereotype

Nur der Name sagt ja grundsätzlich eigentlich wenig über einen Menschen aus. Doch erstens geben wir ihm viel Gewicht (siehe Arbeitswelt) und zweitens sind Namen behaftet – wie erwähnt; aus persönlichen Gründen. Oder aber auch aus stereotypischen. 

Wir ziehen Rückschlüsse auf die Identität einer Person, sobald wir ihren Namen kennen. Ganz ohne Legitimation, es passiert uns ja auch nicht mal absichtlich. Zwei einfache Beispiele, die ich durch eine anonyme Umfrage auf Instagram erhalten habe: Ein Mohammed in Österreich wird oft als Migrant wahrgenommen und ein Kevin als “Assi” betitelt. (Obwohl Mohammed tatsächlich der häufigste Name der Welt ist und in Wahrheit nichts über den Migrationshintergrund des Kindes sagt.)

 

Leider führt diese sofortige Assoziation nicht nur zu Emotionen in der anderen Person. Sondern auch in Mohammed und Kevin. Weil es sich in Handlungen widerspiegelt, weil die Person nur aufgrund des Namens bewertet und dementsprechend oft auch behandelt wird. Weniger Selbstbewusstsein, Hänseleien in der Schule und schlechtere Jobchancen sind nur ein kleiner Ausschnitt der Folgen. 

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Quo vadis? Und was wir uns fragen sollten

Ich frage mich, wohin das führt. Und was das für uns bedeutet. Ob wir bei der Namensgebung unserer Kinder besser aufpassen müssen? Ob wir als Gesellschaft bald einen Weg einschlagen werden, wo wir nicht mehr aufgrund von Namen und den damit diskriminierenden Stereotypen Menschen vor- und beurteilen? Ob sich das nicht vermeiden lässt und diskriminierenden Vorurteile generell überdacht werden?

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Was sagt dein Name über dich aus? 

Nachdem ich mich intensiver damit auseinandergesetzt habe, welche Rolle ein Name hat, wird mir erst bewusst, dass auch ich in solche Denkmuster verfalle und einige Namen bei mir negative Assoziationen wecken. Das wird vermutlich nicht komplett wegzubekommen sein. Was ich aber tun kann, ist Bescheid zu wissen, dass es diese unterbewussten Denkmuster gibt. Daran kann ich arbeiten und mich selbst hinterfragen. 

 

Hast du dir schon zu deinem Namen oder den Namen anderer und die einhergehenden Denkmuster Gedanken gemacht? Erzähl uns mehr unter redaktion@bam-magazin.at

Über Lena

Die Kärntnerin mit Chicago-Big-City-Life-Wurzeln ist immer auf der Suche nach interessanten Geschichten und Menschen. Hat es vom Politikwissenschaftsstudium über die Print-Redaktion und der Liebe zu Online-Formaten und kreativem Schreibens zu BAM! verschlagen.