Fünf Dinge, die ich von einem lesbischen Pärchen in ihren 60ern gelernt hab

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Vor ein paar Jahren reiste ich mit meinem damaligen Campervan durch Europa und begegnete Dutzenden Menschen, die mir bis heute sehr positiv in Erinnerung blieben. Darunter auch Bea und Olivia. Diese zwei wanderlustigen Frauen in ihren 60ern und seit gut zwei Jahrzehnten ein Pärchen, luden mich nach einem kurzen Kennenlernen ein, ein paar Tage lang mit meinem rollenden Zuhause auf ihrem Grundstück zu übernachten. Glücklicherweise nahm ich ihre Einladung an, denn ich kam in den Genuss dutzender Weisheiten (und noch mehr Gläsern exzellenten Wein), von denen ich dir fünf davon heute verraten möchte. 

Spoiler: Nein, ich langweile dich heute nicht mit “Genieße dein Leben” oder “Lege dir Geld zur Seite”. No worries!

Man kann nie früh genug anfangen, die eigenen Bedürfnisse zu priorisieren und aufs Bauchgefühl zu hören

Und mit Bedürfnisse meine ich wirklich alles, was man sich so vorstellen kann. Beispielsweise soziale Bedürfnisse. Ein Beispiel: Introvertierte Menschen (hello, it’s me!) fühlen sich in Gruppen meistens nicht so sonderlich wohl. Wenn die extrovertierte Freundin, die du gern wiedersehen willst, aber ausgehen und sich in eine Menschenmenge mit lauter Musik und grölenden Betrunkenen hauen will, passt das nicht zusammen. Was tun?

Bestenfalls auf die eigenen Bedürfnisse aka. aufs Bauchgefühl hören. Wenn du dich nach einem gemütlichen Mädelsabend sehnst und dein Bauchgefühl zu Menschenmengen und lauter Musik “no f* way!” schreit, dann ist Beas und Olivias Rat: Listen to it closely!

Die beiden haben mir mit diesem Tipp sehr geholfen, da auch ich fast mein ganzes Leben lang die Bedürfnisse von anderen Menschen vor meine eigenen gestellt hab. No more. Und hey, das ist weder egoistisch noch uncool – das ist einfach wichtig für dich selbst, für deine Weiterentwicklung und dein Wohlbefinden. #trustyourgut sag ich nur. Und dazu passt der nächste Absatz auch ganz gut.

© BAM! | Marietta Dang

Ein Coming-out kennt keinen perfekten Zeitpunkt

Wir Menschen warten gerne auf den perfekten Zeitpunkt. Wir prokrastinieren. Wir verschieben auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. Wir klicken auf “Später”. Ganz besonders, wenns um schwierige Entscheidungen geht. Oder Veränderungen. Oder ein Coming-out. Oder einen Zahnarztbesuch.

Als mir Bea und Olivia erzählten, wann sie sich innerhalb ihres engsten Kreises geoutet haben, hatte ich instant Gänsehaut. Die Kurzfassung: Sie beide steckten in heterosexuellen Ehen. Als sie sich kennenlernten, wussten sie, dass sie sich nicht mehr loslassen wollen. Sie verliebten sich ineinander. Eine Trennung von ihren Ehemännern und ein daraus resultierendes Coming-out war also vorprogrammiert. Bea und Olivia haben, wie wir Menschen es eben gerne tun, auf den perfekten Zeitpunkt gewartet – bis sie einsahen, dass es keinen perfekten Zeitpunkt gibt.

Bea sagte zu mir: “Wir hätten ewig so weiter warten können. Aber wozu, wenn man keine Zeit mehr verlieren will?” Mein Learning? Ich versuche Dinge, die mich im Leben im Endeffekt weiterbringen, nicht mehr aufzuschieben. Schaffen tu ichs, als #procrastinationqueen, dennoch selten.

Trau dich 

Bea und Olivia sind, wie gerade beschrieben, beide in heterosexuellen Ehen gesteckt, als sie sich ineinander verliebten. Sie trauten sich, nach einigen Hin- und Hers, ihr altes Leben zurückzulassen und der neuen Liebe eine Chance zu geben. Keine von beiden hat geahnt, dass sie irgendwann mal eine lesbische Beziehung führen würden. “Man verliebt sich nicht ins Geschlecht, sondern in die Person”, hat Olivia gesagt. Hecking right, kann ich dazu nur sagen! Wer sich traut, der Liebe eine Chance zu geben, findet vielleicht die Liebe seines Lebens. Bei Bea und Olivia wars jedenfalls so!

Gleichgeschlechtliche Ehen sind wahre lifesaver 

Literally! Die Studie des Danish Research Institute for Suicide Prevention sowie der Universität Stockholm beweist, dass die Suizidrate bei homosexuellen Menschen seit der Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen in Dänemark und Schweden deutlich gesunken ist. Die Legalisierung von gleichgeschlechtlichen Ehen ist trotzdem nur die Spitze des Eisbergs. Why though?

Naja, meiner Meinung nach sollten wir gar nicht erst drüber nachdenken, ob eine gleichgeschlechtliche Ehe okay ist oder nicht. Wieso wird darüber überhaupt debattiert? Warum dürfen sich LGBTQIA+-Menschen, die sich lieben und ihr Leben miteinander teilen wollen, nicht das Ja-Wort geben?

© BAM! | Marietta Dang

Meine Meinung, die ich vor meiner Begegnung mit ihnen auch schon hatte, wurde durch die Gespräche mit Bea und Olivia nur noch mehr gefestigt und haben mich dazu gebracht, mich mehr für sie und alle anderen LGBTQIA+ Paare einzusetzen. Beispielsweise in Form von Petitionen wie auf dieser Seite hier oder auch einfach mittels Kommunikation, um für mehr Awareness zu sorgen.

Lerne ruhig zu bleiben…

…denn nicht alles benötigt sofort eine Reaktion. Impulsivität und Emotionalität bringt uns Menschen oft dazu, schnell zu reagieren. In vielen Fällen bereuen wir dann, dass wir nicht ruhig geblieben sind. Ich zumindest, denn ich habe – vor Beas und Olivias eindringlichen Tipp – öfters mal zu impulsiv reagiert, anstatt mir mit meiner Antwort oder Reaktion ein bissi Zeit zu lassen. Ist auch nur menschlich, eh klar. Aber dennoch hilft es in mega vielen Fällen, einfach mal ein bisserl runter vom Gas zu treten, sich zu sammeln, tiefe Atemzüge zu machen und dann erst wortwörtlich mit der Sprache rauszurücken. Gelassenheit is key!

© BAM! | Marietta Dang

Eines ist fix: Ich werde die Beiden ganz bald wieder in meinem rolling atelier (=mein Campervan) besuchen fahren und neue Weisheiten, Tipps und Lifehacks aufsaugen. Who knows, vielleicht gibt’s ja bald eine Fortsetzung auf BAM!… Also, stay tuned!

Über Romy

Die freie Autorin aus Beverly Hietzing liebt charmante Altbauwohnungen, tauscht diese aber dennoch gegen wenige Quadratmeter auf vier Rädern ein. Menschenleere Platzerl an Seen sind ihr Zuhause, ein selbstgebauter Schreibtisch ihr Büro, Gelsen ihre Feinde und Kaffee ihr Frühstück. Manchmal auch Mittagessen. @rollingatelier