Jules Vogel: Polyamorie im Freundeskreis

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Polyamorie und offene Beziehungen stehen hoch im Kurs und immer mehr Menschen beginnen zu hinterfragen, ob der Mensch für exklusive Beziehungen gemacht ist. Wir bewegen uns weg von einer sozial geprägten Norm hin zu der Frage: „Was ist eigentlich das richtige Modell für mich?“

Ich bin Julia (25), wohne in Wien und lebe seit über vier Jahren mit meinem Partner Chris in einer offenen Beziehung. Selbst bezeichne ich mich als polyamor. Hätte mir vor ein paar Jahren jemand gesagt, dass ich mich einmal für dieses Lebensmodell entscheiden würde, hätte ich wohl laut gelacht und nur den Kopf geschüttelt. Wie die meisten Menschen ging ich davon aus, dass wahre Liebe nur monogam funktionierte und Polyamorie nur ein hippy-esques Lebensmodell ist.

© Julia Vogel

Exkurs – Was ist Polyamorie?

Polyamorie beschreibt eine Form der Liebe, bei der die Beteiligten einvernehmliche Beziehungen zu mehreren Partner*innen pflegen. Polyamore Beziehungen können offen, aber auch in sich geschlossen sein, weshalb sie nicht direkt mit einer „Offenen Beziehung“ gleichzusetzen sind. Allgemein gilt: Polyamore Beziehungen sind so divers wie die Menschen selbst. Wie genau die Beziehung, das Konstrukt und die Regeln aussehen, entscheiden die teilnehmenden Personen selbst.

Beziehunsgsmodelle im Freundeskreis

Jeder Mensch bewegt sich grundsätzlich in seiner eigenen sozialen Blase und umgibt sich mit Personen, die ähnliche Wertvorstellungen haben. In meinem Freundeskreis sind Offenheit und Toleranz wichtige Grundwerte, die uns als Menschen verbinden. Wichtig dabei ist auch die Akzeptanz gegenüber verschiedenen Lebens- und Beziehungsmodellen. Entscheidet sich jemand für eine monogame Beziehung, wird dieser Person genau so viel Verständnis entgegengebracht, wie jemandem, der sich für ein offenes Lebensmodell entscheidet.

© Julia Vogel

Obwohl die verschiedenen Modelle in vielen Aspekten so konträr sind, gibt es Punkte, die in jedem Fall an der Tagesordnung stehen: offene Kommunikation, Ehrlichkeit, das Sprechen über Wünsche und Vorstellungen, das Treffen gemeinsamer Entscheidungen. Egal, ob jemand sexuell beziehungsweise romantisch exklusiv lebt oder nicht – am Ende des Tages können wir alle voneinander lernen und uns austauschen.

Wo zieht man die Grenze zwischen Freundschaft und Liebe?

Als polyamoröser Mensch wird man häufig mit dem Vorurteil konfrontiert, man würde in Kommunen-ähnlichen Strukturen leben und mit allen Menschen, mit denen man Freundschaften pflegt, auch sexuell verkehren. Es wird davon ausgegangen, dass es keine Abgrenzung zwischen körperlicher und plantonischer Liebe gibt.

© Julia Vogel

Obwohl das nicht der Realität entspricht, schwingt ein Fünkchen Wahrheit mit, nämlich wenn es um die hierarchische Ordnung von Gefühlen, Beziehungen und Emotionen geht. In der breiten Masse können wir beobachten, dass die meisten Menschen eine strikte Grenze zwischen Freundschaft und Liebe ziehen. Was dabei oftmals mitschwingt, ist eine Wertung: welche Liebe oder Zuneigung ist „mehr“, welche Beziehung „wertvoller“ und „wichtiger“?

Durch mein Lebensmodell habe ich aufgehört, Beziehungen und Menschen hierarchisch zu reihen und mich stattdessen gefragt „Auf welche Art und Weise können wir unsere Leben gegenseitig bereichern?“.

Diese Bereicherung findet auf den verschiedensten Ebenen statt: Es gibt die Freund*innen, die sich nach „Zuhause“ anfühlen, die immer einen Safe Space bieten, enge Vertraute, mit denen ich mich auf einer körperlichen Ebene geborgen fühle, Menschen, die ein Feuer entfachen und wieder andere, mit denen man denselben Humor teilt. Manche Bindungen sind rein platonisch, andere romantisch, wieder andere irgendwo dazwischen. Ich empfinde Liebe zu verschiedenen Menschen auf ganz unterschiedliche Weise, ohne ihnen einen Platz oder eine Wichtigkeit zuzuordnen.

© Julia Vogel

Verständlicherweise empfinden viele Menschen eine gewisse Angst vor Verurteilung innerhalb ihres sozialen Umfelds. Dabei sollte gerade in Freundschaften gegenseitige Akzeptanz eine hohe Priorität haben. Gerade dann, wenn wir nicht denselben Standpunkt, wie unser Gegenüber haben, können wir miteinander in den Diskurs treten und voneinander lernen.

Über Jules

Jules ist 25, lebt in Wien und arbeitet als Content Creatorin und Crossfit Coach. Auf ihrem Instagram Channel @julesvogel postet sie Inhalte zu Sexualität, Beziehung, aber auch Sport und Ernährung.