Warum Online-Subkulturen wie Dark Academia oder Cottagecore durch die Pandemie ihren Höhepunkt erleben

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Wenn du deine freie Zeit auf TikTok verbringst, hast du sicherlich schon einmal etwas von “Dark Academia” oder “Cottagecore” gehört. Diese beiden Subkulturen, die sich durch ganz besondere Ästhetiken auszeichnen, haben gerade im letzten Jahr sehr viel Aufmerksamkeit und vor allem eine immer weiterwachsende Anhängerschaft bekommen. Wieso das so ist, was diese Subkulturen genau ausmacht und was sie für einen Zweck erfüllen, haben wir uns genauer angesehen. 

Dark Academia könnte man oberflächlich betrachtet als Mode- oder Lifestyletrend beschreiben. Denn die Anhänger*innen kleiden sich im Stil der Student*innen der Eliteuniversitäten der 1930er- und 1940er-Jahre und versuchen ein Leben zwischen Büchern und alten Bauwerken zu leben. 

Dark Academia beinhaltet aber auch Dinge abseits der Mode wie etwa Kunst, Film und Literatur. Denn es geht bei dieser Subkultur (dieser Begriff wird dem ganzen übrigens schon eher gerecht) vorrangig darum, Wissen zu erwerben, zu lernen oder zu studieren und das studentische Leben ganz im Sinne früherer elitärer Einrichtungen in romantisierter Form zu leben. Daher auch der Name “Academia”. Das “Dark” bezieht sich wohl auf die gotische Architektur, die mit ihren dunklen Elementen perfekt in das Bild des “im Kerzenschein spätabends Bücher lesenden und Gedichte schreibenden Studierenden” passt.

Man merkt schon, es geht hierbei viel um ästhetische Elemente, die den Lifestyle des elitären, wissbegierigen Studierenden abrunden sollen beziehungsweise erst überhaupt zu dem machen, was er ist. Dunkle Holzmöbel, vergilbte Bücher, Journaling, gedeckte Farben, Bibliotheken, Kalligraphie und Rollkragenpullis zeichnen diese Subkultur mitunter aus. 

Zurück zum Ursprung mit “Cottagecore”

In eine ganz andere Richtung, die aber ähnlich ausgeprägte ästhetische Vorgaben hat, geht “Cottagecore” (by the way eine Mischung aus den Wörtern Cottage und Hardcore). Dabei geht es um eine romantisierte Vorstellung vom landwirtschaftlichen Leben des Westens, ein Leben in Einfachheit und im Einklang mit der Natur. Cottagecore lebt für selbst angebautes Gemüse und Obst, Backen, handgeschriebene Briefe, getrocknete Blumen, Töpfern, flatternde Kleider, Spitze (ganz viel Spitze!) und natürlich – wie der Name schon sagt – Cottages auf dem Land. 

Foto Wäscheleine: © Annie Spratt

Diese Subkultur besteht schon seit den 2010er Jahren. Sie fand aber letztes Jahr aufgrund der Pandemie, der damit einhergehenden Lockdowns und dem daraus entstehenden Bedürfnis nach Natur und draußen Sein, dem neu aufflammenden Interesse an handwerklichen Hobbys und dem Back-Hype (Stichwort: Sauerteigbrot) noch mehr Aufmerksamkeit und Anhänger*innen. 

Inspiration an jeder (digitalen) Ecke

Ob Dark Academia oder Cottagecore – wo diese Trends genau gestartet haben, ist im Nachhinein nur schwer nachvollziehbar. Fakt ist aber, dass TikTok bei der Verbreitung genau dieser Trends eine immer größer werdende Rolle spielt. Denn auf der Plattform wird es Nutzer*innen bekanntlich relativ einfach gemacht, ein sehr großes Publikum zu erreichen und Trends tatsächlich zu setzen, statt sie nur nachzumachen. So kommt es, dass der Hashtag Dark Academia auf TikTok bereits über 500 Millionen Aufrufe, Cottagecore sogar über 5 Billionen hat. 

Wem das nicht genügt, der oder die findet abseits von TikTok auf diversen Blogs ganze Listen mit Büchern, Filmen, Autoren und Songs, die den Interessen und der Ästhetik dieser Subkulturen entsprechen. Auch Pinterest liefert unzählige Inspirations-Collagen, die es einem scheinbar einfach machen, selbst Teil von davon zu werden.

Selbstfindungshilfe oder doch nur oberflächliche Social Media Inszenierung?

Doch nun zur wesentlichen Frage: Sind diese “aesthetics” wirklich ein ernsthafter Lebensstil, der von vielen tatsächlich praktiziert wird und der bei der eigenen Selbstfindung hilft oder geht es hierbei doch eigentlich nur darum, sich perfekt für die sozialen Medien zu inszenieren und etwas zu schaffen, das zwar dort gut ankommt, aber nicht wirklich etwas mit der Realität zu tun hat?

Um ehrlich zu sein, ist das gar nicht so leicht zu beantworten. Grundsätzlich geht es bei diesen beiden Subkulturen und ihren Werten ja mitunter auch darum, der Schnelllebigkeit der heutigen Gesellschaft ein Gegenstück zu bieten und für alle diejenigen einen Ort zu schaffen, die sich für ein entschleunigtes Leben und die “alten” und “traditionellen” Dinge fernab der Digitalisierung interessieren.

Wie das dann damit einhergeht, dass viele “Dark Academia” und “Cottagecore” gerade auf den eben nicht ganz so ins Bild passenden sozialen Medien ausleben und präsentieren, ist fraglich. Im Endeffekt ist es aber auch egal, ob viele diese Lebensweisen tatsächlich “leben” oder nur perfekt für Social Media ins Szene setzen. Sie erfüllen nämlich einen ganz anderen Zweck.

© Jing Xi Lau | Unsplash

Letztendlich: Flucht aus dem Alltag 

Natürlich weiß jede*r Studierende, dass Studieren im Normalfall nicht annähernd so abläuft oder aussieht, wie die vielen Posts, Accounts und Videos unter #darkacademia es darstellen. Die Sehnsucht danach ist aber nur allzu verständlich, betrachtet man die Tatsache, dass die meisten Studierenden letztes Jahr aufgrund der Pandemie aus ihrem normalen Uni-Alltag gerissen wurden und sich nun nach etwas sehnen, das dieses Loch (wenn auch nur online) wieder füllen kann. 

Ähnlich ist es bei Cottagecore. Auch hier ist klar, dass man nicht in wallenden Spitzenkleidern zum Kartoffelernten geht und auch nicht sieben Tage die Woche Zeit hat, um Brot und Kuchen zu backen, geschweige denn das Geld besitzt, um mal eben ein Haus am Land zu kaufen. Dennoch dient genau diese Vorstellung gepaart mit einem Hauch Nostalgie als digitaler Ersatz für all die diejenigen, denen Corona einen Strich durch die Reise-, Lebens- oder Zukunftsrechnung gemacht hat.

© Jez Timms | Unsplash

Kanntest du diese beiden Subkulturen oder bist du sogar Teil davon? Oder bist du an einer ganz anderen Ästhetik und Lebensweise interessiert? Lass’ es uns wissen und schreib uns ein Mail!

Über Nadine

Laut Verwandten und Bekannten die wienerischste Salzburgerin, die es gibt. Zwar nicht immer grantig, dafür aber immer hungrig, ist sie seit einigen Jahren im Agenturbereich tätig und jetzt hier bei BAM!. Abseits des Schreibtisches findet man sie in den Bergen, im Wald oder in Portugal, und das nie ohne Kamera.