Tabuthema Therapie: Warum es völliger Unsinn ist, sich dafür zu schämen und warum Therapie völlig in Ordnung ist

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Seit Corona kämpfen wir nicht verstärkt mit mentalen Problemen, sondern sie werden von der Gesellschaft nur endlich wahrgenommen. Trotzdem erntet man noch komische Blicke, wenn man zu Therapie geht – überhaupt wenn eigentlich “eh alles passen” sollte. Aber wer weiß schon, wann für jemanden anderen alles passt oder eben nicht passt? Ich hab darüber mit Thomas von TESTIFIED, einer psychologischen Praxis und Testinstitut in Wien, gesprochen.

Wie läuft eine Therapiesitzung bei dir ab?

Zunächst lernen wir uns kennen. Und dann geht es am Anfang immer darum, die Ziele zu klären: Wo soll die Reise hingehen? Woran wollen wir gemeinsam arbeiten? Welche Puzzleteile sind dafür notwendig? Was sind die Herausforderungen im Alltag? 

Danach suchen wir die geeigneten Methoden, um die vereinbarten Ziele zu erreichen. Die Arbeitsweise kann dabei jeweils unterschiedlich sein: oft sind es Gespräche, manchmal Spiele oder Entspannungstechniken, gelegentlich kann auch einmal etwas Kreatives dabei sein. 

Die Herangehensweise ist individuell und maßgeschneidert für den Jugendlichen. Es gibt auch immer etwas zu trinken. Und nach ca. 50 Minuten verabschieden wir uns, vereinbaren die To Dos bis zum nächsten Mal und machen uns einen neuen Termin aus.

Aber first things first: Wie und ab welchem Alter ist es überhaupt möglich, sich für eine Therapie anzumelden?

Ab dem Alter von 14 Jahren können sich junge Menschen schon selbst an Psycholog*innen oder Therapeut*innen wenden, sofern die Frage der Finanzierung geklärt ist. Das einfachste ist, ein Mail zu schreiben oder anzurufen und einen ersten Termin zu vereinbaren. Manchmal gibt es Wartezeiten, aber wenn es dringend ist, gibt es auch entsprechende Anlaufstellen, die rasch Unterstützung anbieten.

 

© BAM! | Marietta Dang

Wann und warum kann eine Therapie helfen?

Eine Beratung oder Behandlung kann immer dann helfen, wenn man selbst irgendwo ansteht und das Gefühl hat, nicht weiterzukommen, wenn man Schwierigkeiten damit hat, sich zu entscheiden oder wenn die eigenen Gedanken vielleicht von Sorgen, Unsicherheiten oder sogar Ängsten geprägt sind. Man sollte nicht zu lange warten und auch auf sein eigenes Bauchgefühl hören. Zu erkennen, dass Hilfe gut tun würde, ist schließlich eine Stärke!

Ja logisch: Wenn man ein Problem hat, sucht man sich Hilfe. Easy. In der Theorie. Aber warum ist es für viele noch so ein Problem, den Schritt zur Therapie zu wagen? 

Die größte Hemmschwelle ist die Finanzierung. Psychologische Behandlung auf Krankenschein gibt es leider (!) noch nicht und auch Psychotherapieplätze sind rar. Das bedeutet meistens auch, dass man jemandem aus der Familie sagen muss, dass man gerne Hilfe in Anspruch nehmen möchte.

Eine Ermutigung durch nahestehende Personen tut da aber schon auch gut. Schließlich geht es um die eigene Zukunft. Und manchmal findet man dann auch Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung. 

Eine Sorge von vielen ist auch, dass andere von den Inhalten der Therapie erfahren könnten. Hier kann ich aber beruhigen, denn es gilt eine strenge Verschwiegenheitspflicht. 

© BAM! | Marietta Dang

Was sind die fünf häufigsten Gründe, warum junge Menschen deine Hilfe aufsuchen? 

Momentan sind das leider oft Ängste. Häufig geht es aber auch um Selbstorganisation (auch das ist in der aktuellen Krise für viele junge Menschen eine große und absolut nachvollziehbare Herausforderung). Und dann sind Hilfestellungen beim Finden des passenden Ausbildungsweges, beim Umgang mit Stress und Belastungen (in der Familie in Bezug auf die Peers) oder beim Bewältigen von Konzentrationsproblemen (Aufschieberitis, Lernschwierigkeiten usw.) oft ein Thema.

Warum sind Therapiestunden immer noch so als “kontrovers” angesehen und werden tabuisiert? 

Weil es in unserer Gesellschaft als Schwäche angesehen wird, wenn man etwas nicht allein schafft. Und weil die meisten Menschen glauben, dass man schon ein „richtig großes“ Problem haben muss, damit man eine Therapie braucht. Beides ist eigentlich Blödsinn.

Wie kann jede*r von uns dazu beitragen, dass sich diese Meinungen lösen? 

Ich finde es gut, wenn Menschen darüber sprechen, wenn sie Rat, Hilfe oder eben Therapie in Anspruch nehmen. Je mehr darüber geredet wird, desto „normaler“ wird es.

© BAM! | Marietta Dang

Wenn ich hohes Fieber habe, ist es völlig normal, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Warum soll es dann nicht normal sein, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn das Symptom nicht Fieber, sondern Angst, Stress oder eine depressive Stimmung ist?

Es würde auch helfen, wenn das Gesundheitssystem psychologische Behandlung und Psychotherapie endlich in ausreichendem Ausmaß finanzieren würde.

Hast du einen Tipp, wie ich am besten auf Freund*innen reagieren kann, die mir erzählen, dass sie sich in Therapie begeben? 

Das ist eine etwas eigenartige Frage. Man sollte ganz „normal“ mit ihnen umgehen, würde ich sagen. Aber so einfach ist das natürlich nicht und was ist schon „normal“? Helfen würde es aber sicherlich, wenn man der Person dazu gratuliert, sie lobt und weiter ermutigt, diesen Schritt getan zu haben. Und es ist auch immer gut zu fragen, ob man selbst noch etwas tun kann, ob man einen Beitrag zum Gelingen der Therapie leisten kann. Denn so ein Hilfsangebot kann schon gut tun.

 

 

 

© BAM! | Marietta Dang

Das “Problem” mit der Therapie sollte in der heutigen Zeit eigentlich kein Problem mehr sein. Nicht nur offen und ehrlich über seine Ängste zu sprechen tut gut, sondern auch offen und ehrlich anzusprechen, wenn eine Therapie gewünscht oder in Anspruch genommen wird. Die aktuellen Ängste, sei es Zukunftsangst, Einsamkeit durch Corona, Weltschmerz oder das Finden des richtigen Ausbildungswegs, sowie Therapie selbst, dürfen und sollen “normal” sein. 

Über Lena

Die Kärntnerin mit Chicago-Big-City-Life-Wurzeln ist immer auf der Suche nach interessanten Geschichten und Menschen. Hat es vom Politikwissenschaftsstudium über die Print-Redaktion und der Liebe zu Online-Formaten und kreativem Schreibens zu BAM! verschlagen.